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Die revolutionäre Textilentwicklung und das Schweizer Leinen

Wir leben in einer Zeit, in der Neues für den Kleiderschrank in Versuchslabors und am Computer entsteht. Zukunftsperspektiven sind aus den unwahrscheinlichsten Dingen, wie etwa isländischen Braunalgen, gebraut. Biopolymere entstehen aus Milcheiweiss oder geopolitischem Plastikschrott und schmelzen für das ganz persönliche Klima der Haut.

Textiltechniker arbeiten an intelligenter Kleidung, die schnell trocknet, nicht knittert, beim Schwitzen nicht riecht und vor der Sonne schützt. Federleicht dazu. Doch wann ist der Fetisch moderner Textiloptimierung sinnvoll?
Da gabs noch was – ganz ohne nostalgischen Gefühlskater: In den Vorgärten unserer Ur- und Grosseltern spross Flachs wie Unkraut. Es bedurfte keiner grossen Pflege und bekleidete im Sommer Gotthelfs Gesellschaft. Es ist die Geschichte einer heimischen Schirmherrschaft, die, über blaue Felder hinweg, an ökonomischen Realitäten verblühte. Millionen von bunten und billigen Baumwolltonnen überfluteten nach dem 2. Weltkrieg den Markt und läuteten das Leinensterben ein. Nun, auf der Suche nach Substanz, spricht nichts der widerspenstigen und sommerlichen Naturfaser eine neue Blütezeit ab.
Bevor Vorurteile unerschütterlich der Obhut von Klischees überlassen werden, geben wir dem Leinen einen frischen, urbanen Anstrich und gestehen ihm einen zweiten Frühling zu. So sehen wir nicht zuletzt in dieser Schweizer Textilgeschichte eine Chance, Idealismus in sinnvolles Handeln umzusetzen.

Grüne Stängel herzen und Milchkaffee trinken: Im Emmental erblüht der Flachs wieder.

Wir brechen in Richtung Willadingen auf, eine 200-Seelen-Gemeinde, eingebettet in grüne Üppigkeit. Nachdem wir bei Willadingen die Autobahn verlassen und durch eine ortslose Agglomeration fahren, wirkt das Dorf wie Balsam. Es ist warm an jenem Augusttag, so warm, dass sich die ersten Männer in Willadingen schon zur 10-Uhr-Pause im ‚Frohsinn-Hartmann’ mit Bier kühlen.
Wir biegen in die Spychergasse ein und treffen auf das Hofgut der Familie Brügger. Es ist ein aufgeräumter IP-Suisse Betrieb mit Bauernhaus, Stöckli, Speicher, vielen Traktoren, Autos, alles vor einer sattgrünen Kulisse.
Die Befürchtung, von einem wild bellenden Hund begrüsst zu werden, zerschlägt sich, als ein kleines Mädchen, Jasmin, und ihr Vater, Adrian Brügger, in beneidenswerter Gemütlichkeit die Tür öffnen. Ohne Umschweife werden wir in die neu renovierte Küche eingeladen. Auch in diesem Emmentaler Bauernhaus hielt die Moderne Einzug.
Wir werden gebeten am langen Küchentisch Platz zu nehmen und grüssen herzlich in die Runde. In einem blaukarierten Kurzarmhemd sitzt da bereits Herr Haslebacher, Präsident der Niutex, Interessengemeinschaft zur Naturfasernutzung in der Schweiz, Andrea, Bäuerin und Ehefrau von Adrian Brügger, sowie die Oma.

Es gibt Milchkaffee. Haslebacher dankt für das Interesse und Adrian Brügger übernimmt das Wort. Er ist seit 2014 Flachsbauer und zusammen mit Haslebacher Mitglied der Emmentaler Swissflax GmbH. Seine Sätze beginnt er mit Bedacht: „Wir möchten eine neue Generation von Schweizer Flachsbauern etablieren.“
In Willadingen werden drei Hektaren Flachs angepflanzt. Brügger bewirtschaftet eine davon. Die wetteroptimalen Jahrgän ge bringen ihm eine Ernte von sieben Tonnen Flachsgestänge oder rund zwei Tonnen feinstes Leinengarn ein. Während Brügger mit den Händen durch sein dichtes Haar pflügt, gibt er zu bedenken: „Der Schweizer Flachs ist ein Projekt mit ausbaufähigem Potenzial. Bereits mit 30 Hektaren Flachsanbau wäre das Schweizer Leinen durchaus wettbewerbsfähig.“
Brüggers Ansage wirkt wie eine umsichtige Einschätzung. Der Blick über die Grenzen gibt ihm Recht. In Frankreich, Belgien und den Niederlanden wird heute jährlich rund 120’000 Hektaren Flachs angebaut.

Der Bauer äugt mit unverhüllter Erwartung nach Zustimmung in die Küchentischrunde und fährt mit fachlicher Beredsamkeit fort: „Wichtig ist, dass der Acker weder Steine noch Unkraut aufweist. 100 Tage nach Neujahr und bis Anfangs Juni wird der Leinsamen ausgesät. Eine komplexe Bodenmischung aus Nährstoffen und einem optimalen Ph-Wert von 5.5-6.0 lässt das Saatgut bei 4° keimen. Gesät wird in Reih und Glied, was die Ernte erleichtert.Ausser einem einmaligen Unkrauthemmer braucht das Pflänzchen keine Pflegemittel. Keine Bewässerung, keine Schädlingsbekämpfung – keine Monokultur.“
Die Ökobilanz des Leinens ist der von Baumwolle und beinahe jeder anderen Naturfaser überlegen. Zudem sorgt Leinen für ein kleines Stückchen Unabhängigkeit in Sachen Ressourcenbeschaffung. Im Sommer blüht der Flachs schliesslich für zwölf Tage in sattem Violettblau. Brügger schwärmt: „Da pilgern Heerscharen nach Willadingen um die blauen Flachsfelder zu sehen. Doch in der Reiseplanung sollte beachtet werden, dass der gemeine Flachs seinen Kelch zum Sonnenaufgang täglich nur für zwei Stunden öffnet.“

Heute, Ende August, ruht der Acker und das Flachs steht bereits in Ballen gepresst in der Scheune. Adrian Brügger holt verheissungsvoll den Laptop. Trotz körperlicher Schwerstarbeit und wirtschaftlicher Unsicherheit ist sein ganzes Herzblut spürbar. Der Bildschirm zeigt einen Khakifarbenen Traktor mit auffälligem Aufkleber: Ein kopfüber stehendes, weisses N in einem formschönen, roten Kreis. N für Niutex – original swiss fibres. Es folgt eine hauseigene Bilddokumentation, die das Aufblühen des Willadinger-Flachs’ in divers verwinkelten Fotos anschaulich festhält.

Ein mildes Lächeln begleitet den Bauer, als er in seine Adiletten schlüpft und den modernen Einbauschrank öffnet. Er holt zwei Plastiksäckchen Leinen aus eigener Ernte und sagt: „Im Juli erreichen die Pflanzen circa 1.20m und sind reif. Dann kommt die massgeschneiderte Raufmaschine zum Einsatz. Ein spezieller Traktor zupft die Stängel samt Wurzel aus der Erde und legt sie in Bahnen.“ Nach dem Raufen bleibt der Flachs in Schwaden auf dem Feld liegen. Die Tauröste setzt ein. Wie das Wort vermuten lässt, zersetzt ein Naturcocktail aus Tau, Regen, Bodenpilzen und Bakterien die äussere Holzschicht und entblättert die Stängel. Nach einigen Tagen und mehrmaligem Wenden sind die Flachsstängel aufgeweicht. Das Hölzerne wird zu Humus und kehrt als Nährstoff in den Boden.
Bevor das Rotten, wie die Tauröste auch genannt wird, die Stengel vollends leinentauglich zersetzt hat, werden sie entsamt. Ein belgischer Traktor der Marke Depoortere erledigt die Arbeit. Erst jetzt schlagen wir ein neues Kapitel auf und sprechen fortan von Leinenfasern.

Der ländliche Ausflug neigt sich dem Ende zu und der Gastgeber lädt stolz zur Besichtigung des diesjährigen Ertrags ein. Durch den besonnten Vorgarten gelangen wir zum riesigen Scheunentor, hinter dem sich, geballt und aufgetürmt, ein historischer Anblick verbirgt. Brügger rollt das alte Schiebetor auf und ein Sonnenstrahl erhellt den wirbelnden Staub im Innern. Heuduft erfasst die Nase. Seit 100 Jahren im Dorf nicht mehr gesehen, sind die geschnürten Leinenballen eng aufgetürmt.
Es ist die vorerst letzte Station des Schweizer Leinens, denn noch fehlt hierzulande das Wissen und die Infrastruktur für dessen Weiterverarbeitung. Über Belgien und Ungarn kehrt das Leinen aber schliesslich als feinstes Garn in die Schweiz zurück. Wir verabschieden uns von Brügger und dessen Familie und kehren in die Stadt zurück. Inspiriert wissen wir: das Monopol des Leinen hat Europa, die Zukunft liegt im Emmental.

Text: Sandrine Voegelin, unterwegs nach Willadingen mit Bernd Meissner (Foto)
Flachsanbaubilder: Adrian Brügger